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Agrartrend

Die Zukunft der Meteorologie

#Interview
28.08.2020
 

Bob Riddaway, Präsident der Europäischen Meteorologischen Gesellschaft (EMS) ist überzeugt, dass die Genauigkeit der Wettervorhersagen weiter zunehmen wird und Landwirte bei ihren betrieblichen Entscheidungen in Zukunft immer besser unterstützen können. Auch weil der Klimawandel mit der Zunahme von Hitzewellen, der Abnahme von Kälteperioden und immer häufiger auftretenden Fällen von Starkregen, Überschwemmungen und Dürren die Landwirte vor große Herausforderungen stellen wird.

Das EMS-Netzwerk umfasst 38 Mitgliedsgesellschaften. Was führte zur Gründung der EMS?

Mitte 1991 gelangte Jon Wieringa, ein Mitglied der Meteorologischen Gesellschaft der Niederlande (NVBM), zu der Einsicht, dass nur wenig über die meteorologischen Gesellschaften in Europa bekannt war. Nach einiger Recherche machte er dreizehn Gesellschaften ausfindig, die mit geringer oder gar keiner Kenntnis voneinander arbeiteten, auch wenn zwischen manchen Gesellschaften ein loser Kontakt aufgrund von regionalen Gemeinsamkeiten (z. B. skandinavische Gesellschaften) oder aufgrund der gleichen Sprache (z. B. deutschsprachige Gesellschaften) existierte. Die Gesellschaften waren sich darin einig, dass eine Zusammenarbeit und ein Erfahrungsaustausch positive Auswirkungen hätten, und dies führte schließlich zur Gründung der EMS im Jahr 1999. Seitdem ist die EMS zu einem zentralen Bestandteil der europäischen meteorologischen Gemeinschaft geworden.

Was waren die wichtigsten Entwicklungen in der Wissenschaft und Anwendung der Meteorologie seit Gründung der EMS?

In den vergangenen zwanzig Jahren haben wir dank der Fortschritte in Technik und Wissenschaft stetige Verbesserungen der Genauigkeit von Wetterprognosen und der Bedeutung von Klimavorhersagen erlebt. Insbesondere gab es bei der Performance von Hochleistungsrechnern, der Anzahl und Art der Beobachtungen (insbesondere über Satelliten), der Auflösung und Komplexität von Prognose- und Klimamodellen sowie dem Einsatz von Ensembles zur Abschätzung der Unsicherheit einer Vorhersage eine deutliche Entwicklung nach oben. Heute werden Großwetterlagen in der Regel mehr als eine Woche im Voraus vorhergesagt, und kleinere Unwetterereignisse werden oft mit ausreichender Vorlaufzeit angekündigt, damit Maßnahmen zur Milderung der Folgen ergriffen werden können. Darüber hinaus sind die Klimamodelle in der Lage, Vorhersagen zu liefern, die den politischen Entscheidungsträgern helfen, fundierte Entscheidungen über Schutz- und Anpassungsmaßnahmen zu treffen.

Die Gefahr von Extremwetterlagen wird immer bestehen – können wir weiterhin von lokalen Ereignissen überrascht werden?

Viele Extremereignisse treten zwar selten auf, können aber Tote, Versorgungsausfälle und Zerstörungen zur Folge haben und Existenzen bedrohen. Es ist also wichtig, dass wir vor solchen Ereignissen warnen können. Die Vorhersage von Extremereignissen wie Starkregen und Sturzfluten (d. h. Überschwemmungen durch große Regenmengen in kurzer Zeit) ist über die Jahre immer besser geworden. Beispielsweise können genaue, kurzfristige lokale Starkregenprognosen mithilfe einer Kombination aus Radar, das den aktuellen Ort und die Intensität des Niederschlags anzeigt, und feinmaschigen regionalen Modellen erstellt werden. Wenn wir diese Prognosen in hydrologische Modelle einfließen lassen, können wir Sturzfluten vorhersagen. Generell gilt, dass wir heute seltener vom Ausmaß, der Dauer und der Intensität von Starkregen und Sturzfluten überrascht werden.

Lassen sich extreme Großwetterlagen wie Hitzewellen, Kälteperioden und Hochwasser vorhersagen?

Mithilfe von Vorhersagemodellen, wie dem vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) verwendeten, können wir monatliche Vorhersagen erstellen, die den Unterschied zwischen der prognostizierten Temperatur und der Klimatologie der Modelle aufzeigt. Dieser Ansatz liefert Hinweise auf Hitzewellen und Kälteperioden mit bis zu zwei Wochen Vorlauf. Auch das von der EU finanzierte Copernicus Emergency Management System (CEMS) ermöglicht frühe Warnmeldungen vor natürlichen und vom Menschen verursachten Katastrophen wie Hochwasser, Waldbränden und Dürren. Eine der Komponenten des CEMS, das Global Flood Awareness System (GloFAS), verknüpft Wetterprognosen mit einem hydrologischen Modell und liefert dadurch tägliche Vorhersagen zu bevorstehenden Überschwemmungen innerhalb der nächsten 30 Tage sowie Informationen zu ungewöhnlich hohen oder niedrigen Wasserständen bis zu 16 Wochen im Voraus.

Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen der Häufigkeit und Intensität dieser Ereignisse und dem Klimawandel?

Der Weltklimarat (IPCC) weist darauf hin, dass es eine durch menschliche Aktivitäten verursachte globale Erwärmung von etwa 1,0°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau gibt. Die künftigen vom Menschen erzeugten Emissionen werden den Klimawandel weiter vorantreiben und auch den Meeresspiegel weiter ansteigen lassen. Nach Ansicht des IPCC bietet die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 °C viele Vorteile. Doch selbst wenn dies erreicht würde, wird es Auswirkungen auf Extremwettereignisse geben. Modelle für die Klimasimulation zeigen, dass ein Anstieg der vom Menschen verursachten Emissionen (einschließlich Treibhausgase und Aerosole) wahrscheinlich zu mehr Hitzewellen, weniger Kälteperioden und einer Zunahme von Starkregenereignissen, Überschwemmungen und Dürren führen wird. Allgemein lässt sich sagen, dass die Auswirkungen des Klimawandels auf Extremwetterereignisse je nach Region, Jahreszeit und Zeithorizont unterschiedlich ausfallen.

Ist es möglich, ein bestimmtes Extremwetterereignis mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen?

In der Regel ist die Feststellung, ob ein bestimmtes Extremereignis durch den Klimawandel verursacht wird, nicht möglich. Allerdings lagen die Temperaturen in Sibirien von Januar bis Juni 2020 5 °C über dem Durchschnitt. Außerdem wurde in der Arktis eine neue Höchsttemperatur von 38 °C gemessen. Forscher von internationalen Universitäten und meteorologischen Diensten kamen zu dem Schluss, dass dieses Extrem ohne den vom Menschen verursachten Klimawandel nahezu unmöglich gewesen wäre. Tatsächlich wird geschätzt, dass die anhaltend hohen Temperaturen in der Arktis ohne den menschengemachten Klimawandel weniger als einmal in 80.000 Jahren auftreten würden. Diesen Zusammenhang können wir möglicherweise in Zukunft auch für Kleinwetterlagen sehen.

Wie Sie wissen, sind die Landwirte sehr stark auf kurz- und langfristige Prognosen angewiesen. Wie werden sie von den jüngsten und absehbaren Fortschritten in Klimawissenschaft und Meteorologie profitieren?

Wetterprognosen können Landwirten helfen, ihre Produktion zu maximieren. Sie können zum Beispiel verwendet werden, um Wetterfenster für wichtige Arbeiten wie das Besprühen und Ernten von Feldfrüchten zu identifizieren und Warnungen vor Wetterlagen zu geben, die sich nachteilig auf Feldfrüchte, Vieh und die Sicherheit der Arbeiter auswirken könnten. Darüber hinaus können historische meteorologische Daten zur Quantifizierung der Verbindungen zwischen landwirtschaftlicher Produktion und dem Wetter herangezogen werden. Es besteht kein Zweifel daran, dass in Zukunft die Ausführlichkeit und Genauigkeit der Wettervorhersagen weiter zunehmen wird, und dies wird den Landwirten bei ihren betrieblichen Entscheidungen von Nutzen sein. Zusätzlich gibt es eine EU-Initiative mit dem Namen Copernicus-Klimawandeldienst (C3S), die Informationen über den vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Zustand des Klimas liefert. Zu den vielen Sektoren, die von den hieraus gewonnenen Erkenntnissen profitieren, gehören die Land- und Forstwirtschaft.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für Meteorologen in den nächsten Jahren?

Wir müssen unsere Fähigkeit stärken, vor extremem Wetter zu warnen, den Wert von Wetterinformationen für die Öffentlichkeit und die Wirtschaft erhöhen sowie die Bereitstellung von Klimainformationen für politische Entscheidungsträger verbessern. Damit wir dies schaffen, ist es notwendig, die Vorteile neuer Technologien zu nutzen, sich auf den Erhalt und die Entwicklung eines integrierten Beobachtungsnetzes für das Erdsystem zu konzentrieren und die wissenschaftlichen Kenntnisse über das Erdsystem zu erweitern und so die Prognosefähigkeiten zu verbessern. Eine Zusammenarbeit des privaten, öffentlichen und akademischen Sektors kann die Weiterentwicklung fördern und die Bereitstellung genauer und zuverlässiger Wetter- und Klimadaten und -dienste unterstützen – wir nennen dies das „Global Weather Enterprise“ (GWE). Es ist davon auszugehen, dass die Aktivitäten der EMS einen Beitrag zum GWE leisten und die europäische meteorologische Gemeinschaft weiterhin unterstützen.

Zur Person

Bob Riddaway ist Präsident der Europäischen Meteorologischen Gesellschaft (EMS). Die EMS ist eine Vereinigung meteorologischer Gesellschaften, deren Ziel es ist, die Wissenschaft, das Berufsbild und die Anwendung der Meteorologie und verwandter Wissenschaften in Europa zum Nutzen der gesamten Bevölkerung zu fördern. 2003 wurde er Vorsitzender des Veröffentlichungsausschusses der EMS und wenige Jahre später übernahm er auch den Posten des Vertreters der britischen Royal Meteorological Society im EMS-Rat. Von 2008 bis 2015 war er Vizepräsident der EMS und im Jahr 2017 wurde er zum EMS-Präsidenten mit dreijähriger Amtszeit gewählt.

 

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