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Agrartrend
Interview

Eine Welt ohne Hunger ist möglich

26.02.2020
 

Prof. Dr. Matin Qaim von der Universität Göttingen hält eine Welt ohne Hunger innerhalb von 20 bis 30 Jahren für möglich. Voraussetzung hierfür sind unter anderem die Weiterentwicklung moderner Technologien in der Landwirtschaft, ein nachhaltiger Umgang mit Boden und anderen Ressourcen sowie eine bessere Verteilung von Lebensmitteln durch den internationalen Agrarhandel.

Herr Prof. Dr. Qaim, Sie sind ein anerkannter Experte, wenn es um Ernährungssicherheit geht. Wie bekommen wir die Welt heute und in Zukunft satt?

Ernährungssicherheit ist eine Frage von ausreichender Verfügbarkeit von Nahrung und einem ausreichenden Zugang aller Menschen dazu. Da die weltweite Nachfrage weiter wächst, muss auch das Angebot gesteigert werden. Das ist vor dem Hintergrund von knappen natürlichen Ressourcen und Klimawandel eine große Herausforderung. Es geht aber nicht nur um mehr Produktion. Vor allem wir in den Industrieländern müssen auch unseren Konsum in Richtung mehr Nachhaltigkeit überdenken, denn unser hiesiger Lebensstil ist nicht globalisierbar. Beim Zugang zu Nahrung geht es um ein ausreichendes Einkommen aller Menschen. Deswegen spielt die Armutsbekämpfung eine ganz wichtige Rolle für Ernährungssicherung. Ich bleibe optimistisch: Eine Welt ohne Hunger ist innerhalb der nächsten 20-30 Jahre möglich.

Was waren in den letzten Jahren/Jahrzehnten die größten Veränderungen im Bereich der Welternährung und was wird uns in Zukunft erwarten?

In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil hungernder Menschen an der Gesamtweltbevölkerung rasant zurückgegangen, und zwar von rund 50% Mitte des letzten Jahrhunderts auf zirka 11% heute. Das ist ein großer Erfolg, der vor allem auf positive Ertragsentwicklungen in der Landwirtschaft und auf solides wirtschaftliches Wachstum in vielen Entwicklungsländern, insbesondere in Asien, zurückzuführen ist. Afrika hinkt, was das angeht, leider deutlich hinterher. Allerdings waren die positiven Ertragsentwicklungen vor allem bei Getreide zu beobachten. Forschung und Politik haben sich stark auf die Förderung einiger weniger energiereicher Kulturarten konzentriert, weil diese für die Hungerbekämpfung als prioritär angesehen wurden. Menschen brauchen aber für gesunde Ernährung nicht nur Kalorien, sondern auch zahlreiche Mikronährstoffe. Mikronährstoffmangel ist weltweit leider noch viel stärker verbreitet als Kalorienmangel. Das bedeutet: die Ernährung muss vielfältiger werden und damit auch die Landwirtschaft und Agrarforschung.

Fruchtbare Böden sind auf der Welt ungleich verteilt. Wie können wir mit diesem Ungleichgewicht am besten umgehen?

Die Bodenfruchtbarkeit muss erhalten und verbessert werden. Leider beobachten wir in vielen Regionen eine starke Bodendegradation, die durch nicht nachhaltige Formen der Landwirtschaft verursacht wird. Aber natürlich bedeutet ungleiche Verteilung von Boden- und Wasserressourcen auch, dass der internationale Agrarhandel eine wichtige Rolle für den Ausgleich spielt. Die Gunstregionen in den gemäßigten Breiten, wie bei uns in Europa, tragen eine wichtige Verantwortung für die Weltversorgungslage. Diese Verantwortung wird im Zuge des Klimawandels weiter zunehmen, denn unsere Produktion wird davon weitaus weniger stark negativ betroffen sein als die in den meisten tropischen und subtropischen Regionen.

Welche Rolle spielt die Weiterentwicklung neuer Technologien, wie etwa das „Smart Farming“ oder auch die moderne Pflanzenforschung und –züchtung bei der Sicherstellung der Welternährung?

Neue Technologien, die die Landwirtschaft produktiver, umweltfreundlicher und klimaangepasster machen können, spielen für nachhaltige Ernährungssicherung eine ganz wichtige Rolle. Was sich in den Wissenschaftsbereichen Gentechnik und digitale Technologien momentan tut, ist atemberaubend und hat riesiges Potential. Gerade bei der Gentechnik gibt es aber viele gesellschaftliche Vorurteile, die wir durch bessere Wissenschaftskommunikation abbauen müssen.

In den entwickelten Ländern der Welt erfreuen sich sogenannte „Foodtrends“, wie ökologisch produzierte Lebensmittel, Regionalität, Superfoods wie Quinoa oder auch die Diskussion um den Insektenburger & Co. immer größerer Beliebtheit. Spielen diese Trends beim Thema Welternährung aus Ihrer Sicht überhaupt eine Rolle?

Das sind Nischenphänomene, die für die Welternährung bisher kaum eine Rolle spielen. Das Ziel muss natürlich sein, den Lebensmittelsektor nachhaltiger zu machen, und zwar in ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht. Aber Ökolandbau und Regionalität taugen dabei nicht als Patentrezepte.

In der Debatte um Ernährungssicherheit wird viel über die Zukunft Afrikas und Asiens diskutiert. Sehen Sie, um diesen Regionen eine positive Entwicklung zu sichern, den Handlungsbedarf eher in den Händen der Landwirte und Forscher oder eher in der Politik? Und warum?

Handlungsbedarf gibt es in allen Bereichen. Frieden, gute Regierungsführung und eine Politik zum Wohle aller, vor allem auch benachteiligter Gruppen, sind eine zentrale Basis für positive Entwicklung. Leider sind diese Bedingungen in zu vielen Ländern nicht gegeben. Aber ohne einen produktiven Agrarsektor und neue Technologien wird nachhaltige Ernährungssicherung auch nicht Realität werden können, deswegen sind natürlich auch Landwirte und Forscher gefragt.

Was ist momentan der Hauptfokus bei Ihrer Arbeit bzw. was möchten Sie mit Ihrer Forschungsarbeit in den nächsten Jahren vor allem erreichen?

Die öffentlichen Debatten über nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung sind leider viel zu stark von scheinbar unüberwindlichen Gegensätzen geprägt: Produktionssteigerung oder Konsumverzicht? Gentechnik oder Ökolandbau? Globaler Handel oder Regionalität? Solche Grundsatzdiskussionen helfen nicht weiter und versperren den Blick auf konstruktive Lösungen, die meist sinnvolle Kombinationen erfordern. Es gibt keine einfachen Tricks. Die Herausforderung, die Grundbedürfnisse von 10 Milliarden zu befriedigen und gleichzeitig eine Klima- und Umweltkatastrophe zu vermeiden, ist einfach zu groß, als dass wir uns mit ideologischen Grabenkämpfen aufhalten können. Ich möchte mit meiner Arbeit dazu beitragen, dass konstruktive Lösungen gefunden und umgesetzt werden.

Zur Person

Prof. Dr. Matin Qaim gehört zu den führenden Agrarökonomen für Fragen der Welternährung und nachhaltigen landwirtschaftlichen Entwicklung. Als erster deutscher Agrarökonom wurde Prof. Dr. Qaim 2019 Fellow der Amerikanischen Gesellschaft für Agrarökonomie (Agricultural & Applied Economics Association, AAEA). Dabei handelt es sich um die höchste Auszeichnung der amerikanischen Agrarökonomie, die für herausragende wissenschaftliche Leistungen vergeben wird. Er berät sowohl die deutsche als auch britische Regierung im Bereich Welternährung. Auch von der päpstlichen Akademie der Wissenschaften wurde Qaim mehrfach eingeladen, um im Vatikan „über die Rolle neuer Agrartechnologien für die Hungerbekämpfung zu referieren und zu beraten.“

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