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Digitalwelt

Mit dem Flugtaxi ins Büro

#Interview
22.02.2021
 

Prof. h. c. Dr. Chirine Etezadzadeh vom SmartCity.institute sieht in der Weiterentwicklung von Smart Cities eine Chance, Nachhaltigkeit und Wohnqualität in Städten zu erhöhen. Ob im Energiebereich, im Bausektor oder im Verkehrswesen, intelligente vernetzte Lösungen unterstützen urbanes Leben in vielerlei Hinsicht. Mobilität wird gemäß der individuellen Bedürfnisse nachhaltig, zuverlässig, planbar und erschwinglich sein.

Wie kann man sich eine „Stadt der Zukunft“ vorstellen? Welche Veränderungen erwarten uns in den kommenden 50 Jahren?

Der Umwelt-, Klima- und Ressourcenschutz, die Reaktionen auf die Veränderungen der klimatischen und natürlichen Gegebenheiten sowie Flächen- und Ressourcen-Restriktionen werden unser Leben und unseren Lebensraum verändern. In 50 Jahren werden wir, aller Voraussicht nach, eine völlig neue, technologiebasierte Wirtschaftsweise erleben. Wir werden anders wirtschaften und anders zusammenleben, unter anderem veranlasst durch eine umfassende Vernetzung und lückenlose Dokumentationsmechanismen, durch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI), der Autonomisierung, Automatisierung, von zukünftigen Datennetzen und darauf aufsetzenden Technologien, wie der Robotik, holografischen Techniken oder Cross-Reality, also der Überlagerung von physischer und virtueller Realität. Entwicklungen wie diese werden sich in den Städten und Gemeinden widerspiegeln. Insgesamt erwarte ich mehr Dezentralität und den Versuch, mehr wirksame Natur in die Kommunen zu integrieren. Hinzu kommen viel unsichtbare Technik sowie eine hohes Maß an Funktionsfähigkeit, kontrollierter Sauberkeit und Ruhe. Allerdings wird in manchen Stadtgebieten bestimmt auch Gegenteiliges zu finden sein.

Wie „smart“ können Städte werden? Wie sieht es in ländlicheren Gegenden aus?

Dem Einsatz moderner Technologien haftet durchaus etwas Expansives an. Daher sollten wir in Europa Grenzen definieren, welche die wichtigen Errungenschaften unserer Gesellschaft bewahren. Generell können Städte in jedem sozialen und technischen Infrastruktursektor smart werden. Gleiches gilt für den ländlichen Raum, auch wenn sich die Bedarfe etwas unterscheiden und die Lösungen verschiedene Ausprägungen haben können. Mit Blick auf die Landwirtschaft ist der ländliche Raum übrigens teilweise bereits „smarter“ als urbane Zentren. Das trifft allerdings nicht auf die infrastrukturelle Versorgung zu, was zu verschiedenen Umsetzungsgeschwindigkeiten im urbanen und ländlichen Raum führen kann.

Höher, schneller, weiter – viele Menschen sind mit der Komplexität von Großstädten auch überfordert…

Da stimme ich Ihnen zu. In Deutschland sind die Städte ja nicht so groß wie wir es aus dem Ausland kennen. Unabhängig davon halte ich es für wichtig, alle Städte und Gemeinden so zu gestalten, dass die Kommunen, auch vor dem Hintergrund der genannten Veränderungen, ein gutes Leben und Miteinander fördern. Das schließt auch das Zusammenleben mit Pflanzen, Tieren und Insekten ein, da eine lebendige und gesunde Umwelt eine notwendige Voraussetzung für ein gutes Leben ist. Vor diesem Hintergrund wird sich in Städten zum Beispiel die Gestaltung und Nutzung des öffentlichen Raums sowie der baulichen Strukturen verändern müssen. Hierzu suchen weltweit zahlreiche Projekte nach Antworten.

Was bedeuten diese sich veränderten Lebensumstände für unser Zusammenleben und die Gesellschaft im Ganzen?

Die sich verändernden Rahmenbedingungen und die Einzug haltende Digitalisierung werden der Weltgemeinschaft neue Verhaltensweisen abverlangen. Dies wird uns in vielerlei Hinsicht fordern, insbesondere aber im Hinblick auf unsere Kompetenzen und unser gesellschaftliches Miteinander. Die anstehenden Aufgaben werden wir nur gemeinschaftlich bewältigen können.

Welche Technologien bringen heute schon den größten Mehrwert bezogen auf die Lebensqualität in Städten?

Meines Erachtens profitieren wir heute besonders von den technischen Lösungen im Energiesektor, die uns den Weg in die Energiewende ebnen sowie vom Technologieeinsatz im Mobilitäts- und Transportbereich. Im nächsten Schritt wird sich der Bausektor verändern. Mehr Nachhaltigkeit und Wohnqualität werden – technologiebasiert – zum Beispiel durch neue Architekturkonzepte, Materialien, Konstruktionen, veränderte Nutzungsweisen und durch ressourcenschonende Rückbaubarkeit gefördert. In Megacities werden unterschiedlichste Prozesse schon heute durch den Einsatz Digitaler Zwillinge handhabbar, was zu besseren Versorgungsleistungen führt1.Denken Sie außerdem an die Möglichkeiten in den Bereichen Gesundheit und Pflege. Die Liste ließe sich lange fortsetzen.

Bei zunehmender Urbanisierung und der steigenden Anzahl von „Megacities“ spielt die Verkehrsplanung eine immer größere Rolle. Welche Transportlösungen kann es in einer „Smart City“ geben? 

Durch die umfassende Analyse des Verkehrs mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz kann Verkehr zum einen konsolidiert, vermieden und um sinnvolle Verkehrsträger ergänzt werden. Zum anderen lassen sich verschiedene Verkehrsmittel nahtlos, diskriminierungsfrei und komfortabel miteinander vernetzen. Dies erreicht man z.B. über integrierte Mobilitätsangebote (MaaS) mit einem vereinfachten Ticketing. Auf Basis solcher Lösungen sind die Bewohner einer Smart City nachhaltiger, gemäß ihrer individuellen Bedürfnisse, zuverlässig, planbar und erschwinglich unterwegs. Eine Smart City zeichnet sich durch eine hohe Vielfalt an nachhaltigen Transportmöglichkeiten, durch „kurze Wege“ sowie durch eine fußgänger- und radfahrergerechte Stadtplanung aus. Das Zentrum bildet ein vielfältiger und attraktiver ÖPNV. Als neue Verkehrsträger werden Kleinstfahrzeuge, autonome Fahrzeuge, Drohnen und verschiedenste Arten von Flugtaxis hinzukommen. Insbesondere im ländlichen Raum kann das Mobilitäts- und Transportangebot durch moderne Technologien und On-Demand-Lösungen deutlich verbessert werden.

Wo liegt derzeit in Ihrem Institut der Fokus, wenn es um die Weiterentwicklung von Smart Cities geht? Was möchten Sie heute, aber auch langfristig, besonders vorantreiben?

Die Pandemie hat gezeigt, dass in Deutschland und weltweit zahlreiche Verbesserungspotentiale existieren. Vor diesem Hintergrund erfahren die Digitalisierung, Smart Cities und KI international einen enormen Schub. Dies sollte auch in Deutschland erlebbar werden. Ich habe das Thema Smart City jetzt zehn Jahre lang beforscht. Mit dem Institut und gemeinsam mit unseren Partnern möchte ich nun in die Umsetzung gehen. Auch wollen wir in interdisziplinären Gemeinschaftsprojekten Antworten auf Fragen finden, die bislang unterrepräsentiert, aber für die Umsetzung notwendig sind. Insgesamt geht es uns darum, die europäische, zukunftsgerechte und lebenswerte Smart City – das Blisscity-Konzept – weiter auszugestalten. Blisscity beschreibt den sinnvollen Einsatz von Technologie, für ein gutes (Zusammen-)Leben im Einklang mit unserer natürlichen Umwelt.

 

1 Anmerkung der Redaktion: Ein Digitaler Zwilling ist ein virtuelles Echtzeit-Abbild von Prozessen des realen Lebens. So können z.B. Logistikprozesse oder ganze Städte virtuell abgebildet werden, wie in diesem Video veranschaulicht

Zur Person

Prof. h. c. Dr. Chirine Etezadzadeh gründete und leitet das SmartCity.institute in Stuttgart sowie den Deutschen Smart City Expertenrat. Seit über zehn Jahren gestaltet sie mit zahlreichen Projekten, Publikationen und Veranstaltungen sowie beratend die Smart-City-Entwicklung mit. Mit ihrem Herausgeberband „Smart City – Made in Germany“, den sie mit über 140 Mitwirkenden gestaltet hat, hat sie ein deutsches Standardwerk zum Thema vorgelegt. Ihre Videoserie „Have a Tea with Dr. E. – Wie geht es Deutschland?“ ist zu finden auf www.smartcitynews.global.

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